Shakira

Da muss auch Professor Odenthalinoff jetzt mal durch. Shakira statt Sergei, Sergei Rachmaninoff!

Mir gegenüber tanzt die hübsche Kolumbianerin lasziv durchs Fernsehbild, doch sind ihre ‚eindeutigen‘ Bewegungen zu keiner Zeit schmutzig, ihr musikalischer Sex-Appeal bleibt immer vorzeigbar, ihr Becken umkreist die Lenden des männlichen Tänzers mit eindeutigen Bewegungen, die aber von der Musik geleitet werden, sauber, geradezu rein, bis ins Detail. Auch der Professor kann, ganz ohne Rot zu werden, genauer hinschauen.

Shakira Isabel Mebarak Ripoll heißt sie mit vollem Namen, die junge Dame, die ich Mitte Juni 2010 vor den WM-Achtelfinalspielen in Johannesburg in einem der Nebengebäude des Internationalen Sendezentrums zufällig treffe. Ihr „Waka Waka“ wird wohl für immer der Ohrwurm von dieser Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika bleiben.

Die Vorgeschichte zu unserer Begegnung ist ziemlich chaotisch. Da die Telefonnummer des Pressevertreters von Zinédine Zidane im großen Durcheinander meiner Unterlagen verlorengegangen ist, habe ich mich auf den Weg zum französischen Bezahl-Sender ‚Canal +’ gemacht, bei dem Zidane unter Vertrag steht. So bleibt mir immerhin die wenn auch nur vage Hoffnung, doch noch in Kontakt mit dem für mich besten Fußballspieler aller Zeiten zu kommen.

Der Lageplan, auf dem die Büros und Studios sämtlicher Fernseh- und Radiosender eingezeichnet sind, hat mich in eines der kleineren Nebengebäude geführt, in dem unweit der großen Toilettenräume tatsächlich auch ‚Canal +’ untergebracht ist.

Gleich im ersten Büro der Franzosen werde ich freundlich empfangen und höflich unterrichtet, dass man mir bei der Kontaktaufnahme mit Zidane zwar gerne behilflich sein will, dass es aber leider nicht möglich sei, vertrauliche Telefonnummern an Fremde weiterzugeben.

Da ich mit dieser Antwort gerechnet habe, ersuche ich verbindlich um Weiterleitung meiner Handynummer an den zuständigen Pressevertreter von Zidane mit der Bitte um Rückruf, allerdings ohne mir allzu viel davon zu versprechen.

Als ich die Eingangspforte zu den Büros von ‚Canal +’ hinter mir geschlossen habe und mich nach links wende, sehe ich in dem langen Gang, der zum Hauptausgang führt, rund 50 Meter vor mir eine größere Menschenmenge, die dicht gedrängt auf etwas Besonderes zu warten scheint. Vielleicht auf Zidane?

Um dem Trubel zu entgehen, rolle ich mit schnellen Armzügen in die entgegengesetzte Richtung und suche einen anderen Ausgang.

Da mein Handy plötzlich klingelt, halte ich kurz an. Die Kollegen vom Fernsehen der FIFA bitten um ein Interview auf Englisch zu den Aussichten der deutschen Mannschaft nach dem Ausfall von Michael Ballack. Ich sage für den späten Nachmittag gerne zu und als ich gerade weiterrollen will, sehe ich sie.

Mit schnellen Schritten kommt sie mir aus den Toiletten- und Waschräumen entgegen, eine etwa 1.60 Meter große junge Frau, mit ungestümen, nur halbwegs zusammengebundenen goldblonden Haaren und mit großen strahlenden Augen, die mich beim Näherkommen fest ansehen und die mir gar keine andere Wahl lassen.

Ich spreche Shakira Isabel Mebarak Ripoll also an, stelle mich kurz vor und gestehe ihr, wie sehr ich sie als Musikerin und Tänzerin schätze und wie sehr ich ihr großes soziales Engagement für obdachlose und hilfsbedürftige Kinder bewundere.

Auch als ich ihr zur Begrüßung verspätet und vermutlich verlegen die Hand reiche, hört Shakiras strahlendes Lächeln nicht auf, und ich spüre erleichtert, wie mein schlechtes Gewissen, für sie auch nur ein weiterer lästiger Fan zu sein, diesem Lächeln wehrlos zum Opfer fällt.

Sie bedankt sich höflich, aber ehrlich, so glaube ich zu spüren, für meine freundlichen Worte, und fragt mich im Gegenzug nach meiner Arbeit hier im Internationalen Sendezentrum der Fußball-WM.

In wenigen Worten erzähle ich ihr von meiner Tätigkeit als Sportjournalist des Zweiten Deutschen Fernsehens und bin zugegebenermaßen überrascht von so viel offenem Interesse und Entgegenkommen. Ich hätte niemals erwartet, dass sich aus dieser zufälligen Begegnung ein echter Dialog entwickeln würde.

Shakira hat offenbar Lust und nimmt sich Zeit, auf meine Fragen nach ihren Charity-Projekten zu antworten. Gerade diese mittellosen, oft völlig verwahrlosten Kinder lägen ihr sehr am Herzen, sagt sie mit festem Blick in meine Augen, denn sie hätte in ihrer eigenen Kindheit schon früh gelernt, wie wichtig neben allem Materiellen gerade Liebe und Zuneigung für ein heranwachsendes Kind sind.

Als ich ihr daraufhin kurz erzähle, dass ich in den kommenden Tagen in die lesothische Hauptstadt Maseru reisen werde, um dort unter anderem ein Waisenhaus zu besuchen, in dem Kinder untergebracht sind, deren Eltern fast alle an den schweren Folgeerkrankungen der HIV-Infektion gestorben sind, nickt Shakira mir mit trauriger Bestätigung zu.

Ja, AIDS sei in vielen südlich der Sahara gelegenen Ländern immer noch ein ungelöstes Problem, da man die Krankheit über viele Jahre hinweg einfach verschwiegen habe und da es offenbar für viele Volksgruppen sehr schwierig sei, jahrhundertealte Traditionen und Lebensformen zu ändern.

Dann findet sie aber doch wieder zu ihrem Lächeln zurück, scheint sich an etwas zu erinnern und will nochmal den Namen meines deutschen Fernsehsenders wissen.

Das ZDF, ach ja, das ZDF…! Da sei sie doch vor ein paar Monaten in Salzburg in einer großen Unterhaltungsshow zu Gast gewesen und habe ihren neuen Song ‚Gipsy‘ vorgestellt.

„Das war sicher bei Thomas Gottschalk in der Sendung ‚Wetten dass…‘“, füge ich ihrer Erinnerung hinzu.

Wieder strahlt ihr umwerfendes Lächeln, und ich gestehe mir ein, dass ich Shakira schön finde, nicht nur hübsch, sondern wirklich schön, ja, die 33jährige ist eine schöne junge Frau.

In diesen wenigen Minuten hat sie so unverfälscht und natürlich auf mich gewirkt, so authentisch, dass ich glauben darf, dass das leidige Rollenspiel vom lästigen Fan und vom bedrängten Star zu keiner Zeit zur Aufführung gekommen ist.

Beim Abschied hält sie mit beiden Händen meine rechte Hand, und als ich ihr nachschaue, wie sie mit schnellen Schritten davoneilt, dreht sie sich noch einmal um und winkt mir kurz zu, bevor sie rechts in den Gang einbiegt, in dem, wie ich jetzt weiß, eine größere Menschenmenge hinter einer Kette aus Polizisten und Bodyguards ungeduldig auf sie wartet.

Zum zweiten und letzten Mal haben wir uns dann nur drei Monate später im November 2010 in Potsdam anlässlich der ‚Bambi-Verleihung‘ getroffen. Als Vorjahrespreisträgerin zählt Shakira zu den Showacts des Abends, steht aber auch als Laudatorin auf der Bühne und verleiht den Sonderpreis der Jury an Bundestrainer Joachim Löw.

Der bedankt sich mit den Worten „Shakira, we love you“ und überreicht ihr später einen Doppelplatin-Award für ihren WM-Hit ‚Waka Waka‘.

Ich habe das große Glück, dass sich Shakira kurz vor Beginn der Bambi-Veranstaltung gegen 19 Uhr die Zeit nimmt, uns in einem Interview für die ZDF-Sendung ‚Menschen – das  Magazin‘ von ihrem vielseitigen sozialen Engagement zu berichten.

1997 hatte sie die ‚Fundación Pies Descalzos‘, dieStiftung Barfuß‘, gegründet, um bedürftige Kinder in Kolumbien durch ein Programm mit Bildungsmaßnahmen und Nahrungshilfe zu unterstützen. In sechs Schulen in Bogotá, Barranquilla und Quibdó werden gegenwärtig mehr als 5.000 Kinder ernährt und unterrichtet.

Inzwischen engagiert sich die Organisation auch in Haiti und Südafrika, und bereits 2003 wurde Shakira zur Botschafterin für das Kinderhilfswerk der UNICEF ernannt.

Unser Interview dauert wegen des großen Zeitdrucks kaum mehr als zehn Minuten, und als sie sich dann, gedrängt von ihrer Sony-Repräsentantin, in aller Eile von mir verabschieden muss, tut sie es mit einer festen langen Umarmung, die zu den bleibenden Momenten in meinem Leben gehört.

„Wenn Shakira den Raum betritt, ändert sich sofort die gesamte Stimmung“, sagt mir beim Zusammenpacken unserer Ausrüstung mein Kameramann, der das Glück hatte, der Sängerin zuvor schon an einigen Drehorten begegnet zu sein.

Epilog: „Ich kann mir gar nicht erklären“, gesteht mir ein guter Bekannter am Telefon, „warum sich Shakira nur wenige Monate nach eurem Treffen in Potsdam trotzdem für den spanischen Fußballnationalspieler Gerard Piqué vom FC Barcelona als Lebenspartner und Vater ihrer beiden Söhne entschieden hat.“

„Guter Hinweis, mein Lieber“, antworte ich ihm, „das sollte ich sie bei unserem nächsten Treffen auf jeden Fall fragen.“

Dann lege ich den Hörer auf und eine CD in den Spieler ein. Eine von Shakira natürlich.