Roger Federer

​Zum ersten Mal habe ich ihn im Mai 2002 in Hamburg getroffen. Beim ATP-Tennisturnier am Rothenbaum hatte der 20jährige Roger Federer gerade sein Halbfinale gegen den Weißrussen Max Mirnyi glatt in zwei Sätzen gewonnen, und ich hatte bei der ATP schon vor dem Match meinen Interview-Wunsch hinterlegt. Für das Aktuelle Sportstudio sollte ich einen Vorbericht zum Finale tags darauf machen, das Federer und der damalige Weltranglistenerste, der Russe Marat Safat, austragen würden. Dazu musste ich natürlich beide Spieler für ein Eins-zu-Eins-Interview nach der Pressekonferenz gewinnen.

Meine Erinnerung an diese beiden Interviews hat sich im Laufe der Jahre mehr und mehr verflüchtigt, aber was ich nicht vergessen habe, ist der so grundverschiedene Eindruck, den ich von den beiden Spielern zurückbehielt.

Marat Safin, der sein Halbfinale gegen den Spanier Tommy Robredo nach verletzungsbedingter Aufgabe seines Gegners schnell gewonnen hatte, würde am folgenden Tag, unabhängig vom Ausgang des Finals, bei den Herren die neue Nummer 1 im Welttennis sein, für mich also durchaus eine große Ehre, ihm gegenüber zu sitzen. Doch, um ehrlich zu sein, ist mir eigentlich kaum etwas von diesem Interview im Gedächtnis geblieben.

Von dem Interview mit Roger Federer dagegen weiß ich zwar auch nicht mehr, was genau ich ihn wie und wann gefragt habe und was er geantwortet hat, aber ich werde niemals vergessen, wie grundsätzlich sich die Atmosphäre änderte, als Federer den kleinen Interview-Raum betrat. Sein Händedruck, sein klarer fester Blick in die Augen, die Art, wie höflich und gewandt er sich zu geben wusste, dazu sein sympathisches Deutsch mit Schweizer Farbgebung, sein gesamtes Auftreten hatte einen Stil, eine Klasse, wie ich sie in meinem Sportreporterleben noch nie zuvor kennengelernt hatte.

Seit dieser ersten Begegnung haben wir uns viele Male wiedergesehen, darunter in fast jedem Jahr beim Rasenturnier in Halle/Westfalen, das er stets zur Vorbereitung auf sein liebstes Turnier in Wimbledon nutzte. In all den Jahren, in denen ich ihn direkt erlebt oder im Fernsehen verfolgt habe, ist er allen guten und schlechten Einflüssen zum Trotz immer Derselbe geblieben, immer liebenswürdig, immer kultiviert, immer offenherzig und unverfälscht, ganz gleich ob als Junggeselle, als Ehemann oder auch später als Familienvater von inzwischen vier Kindern (zweimal Zwillingen), weshalb ich ihn von Herzen zu bewundern gelernt habe und für ihn, wenn nötig, meine Hand ins Feuer legen würde.

Bei unserem bislang letzten Wiedersehen im Juni 2019 beim Turnier in Halle sitzen wir uns nach der offiziellen Pressekonferenz einmal mehr im Interview-Raum gegenüber. Während im Hintergrund mein ZDF-Team eilig Ton und Beleuchtung einrichtet, nutzen wir die Zeit für ein kurzes Vier-Augen-Gespräch, in dem Federer mich gleich zu Beginn mit Handzeichen auf meine gelähmten Beine fragt, wie es zu meiner schweren Behinderung gekommen sei. Nie zuvor hat sich eine unserer Unterhaltungen so sehr ins Persönliche getraut, und ich deute es als Sympathievorschuss, der Federer diese direkte Frage hat stellen lassen.

Es fällt mir leicht, ihm völlig unbefangen zu antworten, ganz so als sei seine Frage völlig selbstverständlich, und in wenigen Worten berichte ich ihm von dem brutalen Unfall in Kenia und vom Tod meines Vaters, der an einem Geschenk zu seinem 70. Geburtstag, einer Reise zu einer Safari nach Kenia, sein Leben verloren hat . Federer schluckt kurz und scheint nach Worten zu suchen, bevor er mir dann, zunächst noch stockend, von einem guten Freund erzählt, der auf ähnlich tragische Weise zu Tode gekommen ist.

Dieser Freund und seine Verlobte wollten sich vor der Hochzeit noch einmal ein paar Tage frei geben, in denen sie jeweils mit dem engsten Freund/der engsten Freundin eine letzte Reise als Unverheiratete unternehmen würden. Am letzten Tag ihres Trips in den Tessin, also einen Tag vor der schon bis ins Detail geplanten Trauung, erhalten die beiden Frauen spät am Abend einen unerwarteten Anruf. Die Schwester der zukünftigen Hochzeitsbraut berichtet mit zitternder Stimme, dass die beiden Männer vor zwei Stunden bei einem tragischen Autounfall ums Leben gekommen seien. Federer schaut mich an oder genauer: er schaut durch mich hindurch, so als suche er irgendwo einen Halt in diesem Wahnwitz, den wir in Ermangelung der richtigen Worte dann meist ‚Schicksal‘, ‚Vorsehung‘‚ ‚Verhängnis‘ oder ‚Fügung‘ nennen.

Es ist das erste Mal, dass unsere im Laufe der Jahre vertraut gewordene Unterhaltung für lange Momente ohne Worte auskommen muss, und als uns vom Kameramann das Kommando „Kamera läuft“ zugerufen wird, fällt es uns Beiden nicht leicht, nun so unmittelbar auf das sportliche Interview umzuschalten. Es geht natürlich, muss gehen, aber wirklich gespeichert haben wir zweifellos den Teil unserer Unterhaltung, der vor dem Rotlicht stattgefunden hat.

„Tolle Interviews immer! Vielen Dank.“ schreibt mir Roger Federer in seine sportliche Biografie, die ich ihm mit der Bitte um eine Signatur herübergereicht habe. „Viel Glück und Erfolg morgen im Finale“, rufe ich ihm in lange schon verlorener journalistischer Neutralität nach, als er von einer Kollegin des schweizerischen Fernsehens zu einem letzten Interviewtermin abgeholt wird.

Er wird auch dieses Finale gegen den Belgier David Goffin glatt in zwei Sätzen gewinnen und sich damit in Halle seinen zehnten Titel (!) sichern. Ich bin mir sicher, dass mich diese Momente mit einem der besten Tennisspieler aller Zeiten mein Leben lang begleiten werden. Ich werde sie in meiner journalistischen Schatzkiste immer bei mir tragen.