Jupp Heynckes

Fußballtalk im Fernsehen. Ein hobbyphilosophisches Gequatsche über moderne Spielsysteme, über die Problematik beim Handspiel im Strafraum und über den zu Beginn der Saison neu eingeführten Videoassistenten. Hier zuzuhören gehört eigentlich zu den grundlegenden Aufgaben meiner Arbeit, aber ich schalte auch beim Sport seit Wochen schon auf Durchzug. Neue Bundesliga-Infos und neue spieltaktische Varianten interessieren mich nicht, meine berufliche Weiterbildung krepiert schonungslos.

Dabei ist das mein Job, wie gesagt, mein verdammter Job, der mir jahrelang wichtig war, der mir immer Spaß gemacht hat. Und jetzt?

Immerhin bleiben viele schöne Erinnerungen. Eine davon, eine besonders wertvolle, ist die an Deutschlands erfolgreichsten Vereinstrainer, an Josef ‚Jupp‘ Heynckes. An unsere erste Begegnung erinnern wir uns beide allerdings kaum mehr. Damals, am 19.10.1994, spielte Eintracht Frankfurt im Uefa-Pokal in der rumänischen Hauptstadt gegen den Tabellenzweiten der dortigen Liga Rapid Bukarest. Béla Réthy und ich, die Redakteure des in Deutschland übertragenden Fernsehsenders, hatten am Tag vor dem Spiel mit den Verantwortlichen der Eintracht einen Termin für den frühen Nachmittag ausgemacht. Zur sogenannten Vorbesprechung trafen wir uns im Mannschaftshotel mit Frankfurts Trainer Jupp Heynckes und dem Pressesprecher der Eintracht, dessen Namen ich vergessen habe.

Für Béla, der das Spiel im ZDF live kommentieren würde, waren die Insider-Informationen, die wir von Heynckes bekamen, ungemein wichtig, um die Zuschauer auch in den zahlreichen Spielunterbrechungen mit interessanten Details über die Eintracht versorgen zu können.
Die Eintracht verlor das Spiel in Bukarest damals zwar mit 1:2, konnte sich aber zwei Wochen später im Rückspiel in Frankfurt mit einem deutlichen 5:0 Erfolg für das Achtelfinale qualifizieren. (Es sollte für lange Zeit eine meiner letzten Reisen im Auftrag des ZDF gewesen sein. Denn im darauffolgenden Monat flog ich für einige Tage mit meinem Vater und einem gemeinsamen Freund zu einer Safari nach Kenia, wo sich dann am 26. November unweit von Mombasa der schreckliche Unfall ereignen sollte, der meinem geliebten Vater das Leben nahm und mich für den Rest meines Lebens zum Querschnittsgelähmten machte).

Zeitsprung: August 2001. Jupp Heynckes ist vom baskischen Traditionsclubs Athletic Bilbao zum zweiten Mal nach 1992 als Trainer verpflichtet worden. Für die ZDF-Sportreportage soll ich den deutschen Erfolgstrainers in seinem alten neuen Amt vorstellen.

An einem verregneten Mittwochnachmittag treffen wir Heynckes wie vorher abgesprochen auf dem Trainingsgelände des Vereins rund 20 Minuten vom Zentrum Bilbaos entfernt. Er ist gleich nach der Begrüßung bereit, mit uns in die Stadt zu fahren, wo wir gemeinsam mit ihm ein paar Aufnahmen von seiner baskischen Heimat, unter anderem auch am architektonisch imposanten ‚Guggenheim-Museum‘, machen wollen.

Überraschenderweise lädt Jupp Heynckes mich ein, auf dem Beifahrersitz seines geräumigen Wagens Platz zu nehmen, eine seltene und ungewöhnliche Aufforderung, da der Redakteur normalerweise immer im Auto des Kamerateams mitfährt. Ich nehme die Einladung gerne an und zeige Heynckes, wie man die Räder des Rollstuhls zum besseren Transport abnehmen und alle Teile mit wenigen Handgriffen im Auto unterbringen kann. Der inzwischen 56jährige lächelt mir verständnisvoll zu und schon kurz nach dem Anlassen des Motors fragt er mich mit betroffener Stimme, seit wann ich im Rollstuhl sitze und was mir passiert sei. So früh, glaube ich, hat sich das in einer Begegnung mit mir noch niemand zu fragen getraut.  In wenigen Worten erzähle ich ihm von dem Unfall vor damals knapp sieben Jahren in Kenia, vom Tod meines Vaters, von meinem zweimonatigen Koma und der irreparablen kompletten Querschnittslähmung.

Als ich ihm den Kopf zuwende, kann ich sogar in seinem Profil ein echtes Mitfühlen erkennen, das zunächst noch nach den richtigen Worten suchen muss. Im Laufe unseres sehr persönlichen und völlig fußballfernen Gesprächs erfahre ich, dass auch Heynckes eine schwierige Zeit zu bewältigen hatte. Anderthalb Jahre musste er an der Seite seiner Frau Iris den schwer an Krebs erkrankten Schwiegervater „in den Tod pflegen“, wie er es selbst formulierte. In dieser Zeit ist ihm deutlich vor Augen geführt worden, wie schmerzvoll und wie endgültig ein Menschenleben vorbei sein kann, ein Leben, das man in guten Momenten oft viel zu wenig zu schätzen weiß.

In den folgenden Tagen in Bilbao und in Newcastle, wohin wir ihn zu einem Vorbereitungsspiel auf die neue Saison begleiten, lernen wir uns näher kennen und schätzen. Zum Abschied und als Dankeschön für die Zeit, die er sich für uns genommen hat, verspreche ich ihm, eine Kopie des Beitrags nach Bilbao zu senden. In einem Telefonat am Montag nach der Sendung lässt er mich wissen, dass seine Frau „den Film gesehen hat und ihn gut fand“. Was mich in dieser intensiven Begegnung im spanischen Baskenland besonders beeindruckt hat, ist die Offenheit und die stets spürbare Ehrlichkeit, mit der uns Jupp Heynckes gegenübergetreten ist. Ich war mir sicher, dass er zu den seltenen Menschen gehört, auf die man sich im Notfall immer verlassen kann.

In den Jahren nach seiner relativ glücklosen Rückkehr in die Bundesliga und dem Scheitern sowohl in Schalke als auch in Mönchengladbach sind wir uns noch einige Male begegnet, und nach der Entlassung bei ’seiner Borussia‘ lud er mich unter echten Niederrheinern auf einen Kaffee zu sich nach Hause ein.

In seinem kleinen Wohnort zwischen Mönchengladbach und der niederländischen Grenze trafen wir uns im Frühsommer 2008 zum ersten Mal nicht in den Rollen als Fußballtrainer und Sportjournalist, sondern als gute Bekannte auf rein privater Ebene.

Mein erstes Buch über meine Reise im Rollstuhl durch China war gerade im Herder-Verlag veröffentlicht und der 45minütige Film im ZDF-Abendprogramm in der Reihe ‚37 Grad‘ gezeigt worden.

Jupp Heynckes fühlte sich diesmal auch in der ungewohnten Rolle des Fragenden sehr wohl, und nachdem ich ihm das Buch ‚Trotzdem China‘ mit einer kurzen Widmung überreicht hatte, sagte er mit einem Glas in der rechten Hand wie nebenbei zu mir: „Ich finde, lieber Marcel, wir sollten von nun an ‚Du‘ zueinander sagen. Ich bin der Jupp.“

Unnötig zu erwähnen, wie gerne ich dieses unerwartete Angebot angenommen habe. Damals konnte ich noch nicht ahnen, dass mir gerade der fünf Jahre später nach dem ‚Triple‘ mit dem FC Bayern München mit Auszeichnungen überhäufte erfolgreichste deutsche Vereinstrainer aller Zeiten seine Freundschaft angeboten hatte, eine Freundschaft, die zu erwidern und zu pflegen ich auch heute noch sehr stolz bin.