Bundespräsident a.D. Horst Köhler

Nicht gerade viele Menschen lassen das zurück, was man ‚einen bleibenden Eindruck‘ nennt. Bundespräsident a.D. Horst Köhler ist für mich einer davon. Es ist Sympathie auf den ersten Blick, als ich ihm im Oktober 2006 in Bonn zum ersten Mal begegne. Auf Initiative des Bundespräsidenten wird in der Villa Hammerschmidt eine neue Partnerschaft zwischen Wirtschaft und Behindertensport geschlossen. Ziel der Partnerschaft ist es, einen größeren finanziellen Beitrag für die Athleten des ‚German Paralympics Top Team‘ auf ihrem Weg zu den Paralympischen Spielen 2008 in Peking sicherzustellen.

Nach der Veranstaltung bitte ich den Pressesprecher des Bundespräsidenten um ein Eins-zu-Eins-Interview für das ZDF, dem überraschend schnell und unbürokratisch stattgegeben wird.

Da eine Unterhaltung auf Augenhöhe für mich nur möglich ist, wenn sich mein Gegenüber auf einen Stuhl setzt, hat das Kamerateam von irgendwoher einen gut gepolsterten Schemel organisiert, auf dem der Bundespräsident bald nach Abschluss des offiziellen Teils mit einem Lächeln Platz nimmt.

Nachdem ich ihm die abgesprochenen drei Fragen gestellt und er sie staatsmännisch und routiniert beantwortet hat, steht er nicht etwa gleich wieder auf, sondern bleibt völlig unerwartet sitzen und fragt mich, wobei er meine Augen sucht, mit ehrlicher Betroffenheit nach meinem Schicksal im Rollstuhl.

In wenigen Worten erzähle ich ihm die tragische Geschichte von der Reise nach Kenia und von dem verheerenden Autounfall, bei dem vier Menschen, darunter auch mein Vater, ums Leben kamen. Als ich verstumme, blickt mich der Bundespräsident lange wortlos an, und als er dann fest meine Hand drückt, glaube ich tatsächlich, Tränen in seinen Augen zu sehen.

Zeitsprung! Zum letzten Mal haben wir uns 2008 in Beijing anlässlich der Paralympischen Sommerspiele getroffen. Aus dieser Begegnung haben sich mir zwei einzigartige Momente ganz besonders eingeprägt.

Da ich mich bei der deutschen Botschaft über das dreitägige Programm des Bundespräsidenten in China informiert habe, weiß ich, dass er am Sonntag, den 7. September, um 12 Uhr mit der deutschen Delegation vom chinesischen Staatspräsidenten Hu Jintao in der ‚Großen Halle des Volkes‘ empfangen werden soll.

Und tatsächlich. Gegen 11.50 Uhr darf sich die mehrmals ausführlich kontrollierte akkreditierte Presse am Ende des Roten Teppichs postieren, hinter einer Absperrung circa 3 Meter von dem Punkt entfernt, an dem Hu Jintao seine Gäste neben einem Pult begrüßen wird.

In diesem Moment ergibt sich für mich völlig überraschend wieder einer dieser wenigen Anlässe, dank derer meine Behinderung in einen Vorteil mündet.

Da mir die Absperrung, hinter der sich die internationale Presse drängelt, aufgrund ihrer Höhe kaum einen Blick auf die Begrüßungszeremonie gewähren würde, werde ich von zwei uniformierten chinesischen Ordnungskräften kommentarlos aus dem Pressebereich heraus- und auf einem kleinen Umweg vor die Absperrung geschoben.

Als ich mich umschaue, erkenne ich den ungeheuren Vorteil meiner neuen Position, denn ich werde kaum zwei Meter entfernt neben Staatspräsident Hu Jintao, dessen Profil sich durchaus staatsmännischer Qualitäten sicher sein kann,  auf die deutschen Gäste warten. Bei den turmhohen chinesischen Sicherheitsstandards ist das eigentlich kaum zu glauben.

Für alle Fälle nehme ich Haltung an, bemühe mich, so wichtig wie nur möglich auszusehen, und wünsche meine Nervosität zum Teufel.

Dann, pünktlich um 12 Uhr, taucht am anderen Ende des breiten Ganges die deutsche Delegation auf. Schon aus der Distanz kann ich den Bundespräsidenten und seine Gattin Eva Luise erkennen. Mit langsamen Schritten nähern sie sich ihrem chinesischen Gastgeber, der sich neben mir wie eine unbewegliche Statue mit kühler Erhabenheit umgibt.

Zunächst, Ladies first, wird Frau Köhler, die sich von ihrem Ehemann gelöst hat, vom chinesischen Staatsoberhaupt mit ein paar vermutlich englischen Worten empfangen, die ich aber nicht höre.

Denn parallel dazu geschieht das für mich Unvergessliche. Währen der Bundespräsident hinter seiner Gattin auf seine Begrüßung wartet, schaut er kurz nach rechts, registriert den Rollstuhlfahrer und… erkennt mich sofort.

Überrascht blinzelt er zu mir herüber, und noch bevor er Hu Jintao die Hand reicht, formen seine Lippen ein für mich deutliches „Hallo Herr Bergmann“, das von einem warmen Lächeln begleitet wird. Dass er nur wenige Sekunden vor einem außergewöhnlich wichtigen staatsmännischen Moment tatsächlich dem ZDF-Sportjournalisten seine Aufmerksamkeit schenkt, macht mich für einen langen Augenblick ungeheuer stolz. Es spricht ganz einfach für diesen außergewöhnlichen Mann, dass er fern des festgelegten und minutiös einzuhaltenden Protokolls auch noch für andere Dinge und Menschen zwei offene Augen hat.                                           

Unmittelbar nach der Begrüßung versammeln sich die chinesische und die deutsche Delegation in dem anschließenden Konferenzsaal, in dem sie in zwei langen etwa 8 Meter voneinander entfernten Reihen Platz nehmen, die Gastgeber links, die Gäste rechts.

Gemütlichkeit sieht anders aus, denke ich enttäuscht und frage mich, ob es dieses Wort in der chinesischen Politik überhaupt gibt. Die Presse darf rund zehn Minuten vom Eingang aus Fotos machen, während das Sitzungsprogramm bereits seinen Anfang nimmt. 

Staatspräsident Hu Jintao ist aufgestanden und hält eine kurze, sehr steif wirkende Begrüßungsrede, die nach jeweils zwei oder drei Sätzen unterbrochen und von einem Konsekutivdolmetscher mit fester und lauter Stimme quer durch den weiten Raum zur deutschen Abordnung herüber gerufen wird. Wenn es nicht so ernst wäre, könnte man an eine chinesische Slapstick-Aufführung glauben.

Dann beendet Hu Jintao seinen protokollarischen Willkommensgruß und setzt sich auf seinen Platz in der Mitte der langen chinesischen Sitzreihe.

Nun ist sein Gegenüber auf deutscher Seite an der Reihe. Bundespräsident Horst Köhler bleibt im Gegensatz zum 65jährigen chinesischen Staatsoberhaupt aber sitzen, genau wie auch die deutsche Dolmetscherin. Mit einem charmanten Lächeln begrüßt er Chinas Empfangskomittee und lobt mit sonorer Stimme die paralympische Eröffnungsfeier am Vortag, die er im ‚Vogelnest‘-Stadion sehr genossen habe. Köhler erläutert, warum er nicht zu den Olympischen, sondern zu den Paralympischen Spielen gekommen sei. Er habe sich so entschieden, „um den Menschen mit Behinderung eine besondere Aufmerksamkeit zu zeigen.“

Köhler, der selbst Vater einer sehbehinderten Tochter ist, hat in seiner Amtszeit bisher alle paralympischen Spiele besucht.     

Mehr als 83 Millionen Menschen mit Behinderung leben in China, das ist mehr als die gesamte Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland. Viele von ihnen müssen in ihrem Alltag mit vielen Benachteiligungen zurechtkommen.

Sehr einfühlsam macht der Bundespräsident den chinesischen Gastgebern in diesem Zusammenhang ein nachhaltiges Kompliment und drängt sie damit wie nebenbei in die angestrebte Richtung.                                                             

„Ich freue mich darüber, dass die Verbesserung der Lebensbedingungen für Menschen mit Behinderung auch in China ein wichtiges politisches Ziel ist. Die Paralympics werden ein weiterer Ansporn auf diesem Weg sein. Sie werden in China ganz deutlich zeigen, dass auch Menschen mit Behinderung nach Leistung und Anerkennung streben, im Sport wie auch im Alltagsleben. Ihre Teilhabe gibt einer Gesellschaft Kraft und Wärme.“    

Was für eine aufrichtige und Mut machende Rede. Kaum dreißig Sekunden nachdem das deutsche Staatsoberhaupt zu sprechen begonnen hat, tritt eine regelrechte Verwandlung ein. Eine spürbare Harmonie füllt plötzlich den ganzen Saal bis hin zu uns Journalisten an der großen Eingangstür.        Und was ich dann sehe, werde ich in seiner optischen Ausdrucksstärke wohl nie mehr vergessen. Die unbeweglichen, steifen, ja verkrampft wirkenden Chinesen, die im Profil in einer langen Reihe vor mir sitzen, entspannen sich mit einem Mal und sinken, einer nach dem anderen, aus der gestelzten Senkrechten ganz behaglich in ihren Sitz zurück.

‚Relaxen‘ oder ‚chillen‘ nennt man heute in zeitgenössischer Sprache wohl das, was der deutsche Bundespräsident mit seiner gewinnenden, wohltuenden Art bei den chinesischen Gastgebern ausgelöst hat.

Ich bin gleichermaßen ergriffen und begeistert von dem, was da gerade in dem mächtigen Konferenzsaal in der ‚Großen Halle des Volkes‘ in Peking geschehen ist. Dieser sympathische Bundespräsident, der mein Heimatland auf eine so nachhaltig positive Art und Weise in der Welt repräsentiert, macht es mir leicht, nach längerer Zeit mal wieder richtig stolz auf meine nationale Herkunft zu sein.

Anlässlich der Paralympischen Spiele, die aus China mit einem unerwartet großen Erfolg in die Welt getragen werden, treffe ich unser Staatsoberhaupt tags darauf noch einmal in der deutschen Botschaft zu einem längeren sportpolitischen Interview, das in einer außergewöhnlich entspannten Atmosphäre stattfindet. Bis heute sollte es leider unsere letzte direkte Begegnung bleiben.

Vier mir sehr wertvolle persönliche Briefe habe ich noch von Horst Köhler bekommen, auch zu meinem ersten Buch schrieb er für die Umschlaginnenseite eine kurze, vom Herder Verlag freudig aufgenommene Widmung, ehe dann im Mai 2010 völlig unerwartet sein niemals endgültig geklärter Rücktritt vom Amt des deutschen Bundespräsidenten folgte. Ein nicht nur für mich sehr trauriges Ende.

Professor Doktor Horst Köhler hat Deutschland in der ganzen Welt in beeindruckender und bewundernswerter Weise vertreten. Ich wünsche mir von Herzen, dass die Geschichtsschreibung dem neunten Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland irgendwann einmal den ehrenvollen Platz zusprechen möge, den er sich als Staatsoberhaupt und mehr noch als Mensch ohne jeden Zweifel verdient hat.

Was er wohl heute macht? Und im Sommer 2020? Dann werden auf jeden Fall die nächsten Paralympischen Sommerspiele in Tokio stattfinden.